Lehrgeld

Knoxoleum
19. März 2017

Lehrgeld

Es gibt nur zwei Chancen für den Absolventen dieses Staatsexamens. Wenn der Kandidat beide Möglichkeiten vergeigt, ist das Ende der Teerstrecke erreicht: NotSan adé. Ihr könnt euch also ausmalen, dass der Druck, die Ergänzungsprüfung zum Notfallsanitäter zu bestehen, immens ist. Ab dem Jahr 2024 dürfen Rettungsassistenten bundesweit nur noch als Fahrer auf einem Rettungswagen eingesetzt werden. Der Boss ist ab diesem Zeitpunkt ein Notfallsanitäter. Für mich war glasklar: Ich musste das Staatsexamen zum Notfallsanitäter durchziehen und auch irgendwie bestehen. Wenn möglich, gleich beim ersten Versuch.

Gesagt, getan. Im letzten Winter saß ich also schweißgebadet nach einer harten, aber fairen Prüfung im Vorraum zwischen dem abgeranzten Kicker und einem Getränkeautomaten und wartete darauf, zum Blutgerüstgerufen zu werden. Zwei Prüflinge vor mir kamen mit leeren Händen und eckigen Gesichtern aus dem Lehrsaal. Jeder von uns wusste, was die Stunde geschlagen hatte. Einer der beiden hatte feuerrote Augen. Die Typen griffen nach ihren Unterlagen und verzogen sich, ohne noch ein Wort über das Desaster zu verlieren. Trotz der Kühle draußen fühlte ich mich, als wäre ich in Timbuktu. Das Aroma von eingetrocknetem Kaffee und dem Angstschweiß der Anwesenden stieß mir eine Lanze in meinen olfaktorischen Cortex. Mein olivgrünes Shirt klebte an meinem Körper, als mein Name aufgerufen wurde. In diesem Moment war es mir völlig wumpe, ob man Schweißflecken sehen oder mich riechen konnte, oder eben nicht. Ich merkte meine Herzfrequenz, meinen Blutdruck und einen pochenden Kopfschmerz. Es fühlte sich an, als würde mir jemand in der Geschwindigkeit meines Herzschlages rhythmisch in die Eier treten. »Wir waren uns nicht einig, weil Sie dem Patienten im mündlichen Fallbeispiel Dormicum in die Vene jubelten.« Mir wurde heiß und kalt. Vor meinem geistigen Auge lief der Film ab, den ich noch zwei Stunden zuvor live erlebt hatte. In dieser Situation, die der Prüfer so bildreich beschrieb, hatte ich auf theoretischer Basis einen Mann in den Zwanzigern zu versorgen. Der Mann hatte einen epileptischen Anfall, als ich vom Prüfungskomitee in diese Szene gebeamt wurde. Ich sagte, dass ich ihm einen venösen Zugang lege und Midazolam gebe. Ein Benzodiazepin, das auch unter dem Handelsnamen »Dormicum« vertrieben wird. »Ah ja?«, sagte einer der drei Prüfer, der mir vorher als Arzt vorgestellt wurde und scheinbar das Ruder in der Hand hatte. Ich wähnte dies als Versuch, mich zu verunsichern und blieb bei meinem Vorgehen, das Medikament zur Anwendung zu bringen. Bei der Nachbesprechung fragte mich der Arzt, weshalb ich kein Lorazepam geben wollte, wie es die Ärztekammer bei den zukünftigen Notfallsanitätern gerne sähe. Dass uns nur Midazolam zur Verfügung stünde, schien ihn nicht sonderlich zu beeindrucken. Er quetschte mich daraufhin über Benzodiazepine aus, wie eine Limette bis zum letzten Tropfen.Ich war froh, dass ich über die Pharmakologie dieser Stoffgruppe und zu allem, was zu GABA-Rezeptoren und deren Effekt gehörte, bestens Bescheid wusste – wie auch über alles, was danach folgte. »Aber aber … Sie haben ja gar keine Kontraindikationen abgefragt, bevor Sie das Medikament in den Patienten gespritzt haben …« Ein Schauer überfuhr mich. Mir war danach zu rülpsen. Hätte ich vorhin die Cola nur nicht so in mich hineingeschüttet. Ich überlegte. Dann fiel mit ein, dass man einen Krampfanfall behandeln muss, bevor man in das ABCDE-Schema übergeht. Da die Anamnese erst später erfolgte, war ich fein raus. Der Arzt verzog keine Miene, machte scheinbar einen Haken auf seinem Blatt und stellte die nächste Frage. Auch die Luft in meinem Ösopharingealtrakt blieb dort, wo sie mir bis zum Ende noch reichlich Unbehagen bereitete.

»… haben Sie ein sehr hohes Maß an Fachwissen gezeigt«, ploppte meine Denkblase weg. Der Prüfer schüttelte mir die Hand, sagte, dass ihn auch die makellose praktische Prüfung beeindruckt hätte, und drückte mir die lieblos gestaltete Bestätigung in die Hände. Ich grinste debil, las nur »bestanden« und »Notfallsanitäter« und verließ den Raum. Die Prüfung war zwar vollbracht und die Urkunde einige Tage später endlich in meinem Besitz. Aber einfacher wurde es für mich als Notfallsanitäter ab diesem Zeitpunkt noch lange nicht.

Der Notfallsanitäter wird darauf gedrillt, strikt nach Algorithmen zu arbeiten und Abfrageschemata zu verwenden. Das ist aus meiner Sicht auch positiv. Nur so kann gewährleistet werden, dass in jedem Teil Deutschlands von jedem Retter die gleiche Qualität in Sachen rettungsdienstlicher Leistung erbracht wird – ob dies um 7 Uhr, um 15 Uhr oder um 3 Uhr nachts der Fall ist. Es ist einfacher, nur nach Leitsymptomen und somit nach dem Wenn-Dann-Schemata zu arbeiten. Hat der Patient beispielsweise ein C-Problem, gibt es Maßnahmen, die man sofort dagegen ergreifen kann. Frei nach dem Motto: »IF Blutdruck/Patient < 100mm/hg syst AND Herzfrequenz >120 THEN Beine hoch AND venöser Zugang AND Applikation von NaCl«  oder »IFHerzfrequenz < 40 AND Instabilitätskriterien = erfüllt THEN venöser Zugang AND Applikation von NaCl AND 0,5mg Atropin i.V.« Hört sich einfach an, oder? Ein bisschen Mathematik, ABCDE, SAMPLER und OPQRST, und das Mettbrötchen ist gefrühstückt. Aber Pustekuchen. Schön wärs. Das Gegenteil ist der Fall. Zwei Einsätze prügelten mich einige Zeit später in die Realität zurück. Ich schlug mit der Fresse auf dem Asphalt auf und sah hautnah die Konsequenz meiner Inkonsequenz.

Der erste Einsatz führte mich zu einem Patienten, der einen wahnsinnig langsamen Puls hatte. Davon hatte ich bereits mehrere Notfälle dieser Art, seitdem mir die Urkunde zum Notfallsanitäter ausgehändigt wurde. Ich arbeite immer strikt nach dem ABCDE-Schema. Aber an diesem Tag habe ich ein obligatorisches Diagnosemittel weggelassen. Ob es an den 14 Einsätzen lag, die ich im Rahmen einer 12-Stunden-Schicht ohne Pause absolvierte oder an sonst etwas: Ich unterlag einem Fixierungsfehler

Klaro – die letzten Patienten hatten dasselbe. Also muss es in diesem Fall auch eine Bradykardie sein«, dachte ich. Weil ich dem Patienten zügiger helfen wollte, legte ich einen venösen Zugang und spritzte das Atropin direkt in die Vene des Patienten, nachdem ich brav die Allergien abgeklärt hatte. Erst danach hieß ich meinem Kollegen, das EKG anzulegen. Der Patient hatte einen Bigeminus. Das bedeutet, dass jedem normalen Herzschlag eine Extrasystole folgt, die man nicht als Puls spürt. Vermutlich hatte der Patient einen Infarkt, der diese Störung ausgelöst hatte. Jackpot. Und ich gab etwas, das die Situation potenziell verschlimmern konnte. Das Herz konnte gar nicht schneller schlagen. Aber die Medikamentengabe hätte fatal sein können, da der Sauerstoffverbrauch des Herzmuskels anstieg. Der Patient hatte aber Glück. Er bekam seine Herzkatheteruntersuchung und wurde völlig rehabilitiert entlassen. Und ich entging der Guillotine.

Zwei Monate später. Ich hatte den desaströsen Einsatz längst verarbeitet und wurde mit meinem Kollegen zusammen zum Einsatzstichwort »Atembeschwerden« alarmiert. Als wir vor die Wohnung des Patienten rollten, war sofort klar: Der etwas festere Mann, der uns bereits auf der Straße erwartet hatte, musste eine hochgradige allergische Reaktion haben. Das Gesicht samt Augenlidern war dick zugeschwollen. Ein sogenanntes Quincke-Ödem – eine schmerzlose Schwellung von Haut, Schleimhaut und dem angrenzenden Gewebe. Eine schlagartige Erhöhung der Durchlässigkeit der Gefäßwände bietet die Grundlage dafür. Es kann Stunden bis Tage anhalten und dramatisch verlaufen. Fast immer handelt es sich dabei um eine allergische Reaktion oder die Nebenwirkung von Medikamenten. Der Mann klagte über Atemnot. Das Pulsoximeter zeigte den Wert von 85 Prozent an. Das ist weit entfernt von den normalen 97 bis 100 Prozent. Also rein in den Rettungswagen, auf die Trage gelegt und den Oberkörper maximal hochgestellt. Ob er denn Allergien auf Medikamente und Vorerkrankungen habe, wollte ich wissen. Er verneinte Ersteres, nahm aber ein Mittel gegen die Schilddrüsenunterfunktion und neuerdings einen ACE-Hemmer gegen zu hohen Blutdruck ein. Die letzte Mahlzeit war am Tag zuvor gewesen. Klar – mit dem geschwollenen Gesicht und der Luftnot hätte ich auch keinen Appetit auf irgendwas gehabt. Mein Kollege legte ihm einen Zugang, während ich am Stellrad für den Sauerstoff herumschraubte. Anstelle von 9 sollten es jetzt 15 Liter Sauerstoff pro Minute sein. Dem Mann ging es einfach nicht besser. Der nachgeforderte Notarzt war noch an einem anderen Einsatz gebunden und weit weg von uns. Ein anderer Notarzt war nicht verfügbar. Ich hieß dem Disponenten, ein Krankenhaus in der Nähe zu suchen und bat ihn, uns mit hoher Dringlichkeit anzumelden. Dann spritzte ich dem Patienten einen H1-, H2-Blocker und Kortison in die Vene – gemäß den Leitlinien. Das Adrenalin blubberte bereits aus der Verneblermaske und erzeugte einen feinen Dunst. Reichlich Flüssigkeit lief in die Vene des Mannes. Besserung? Fehlanzeige. Die ILS meldete, alle Krankenhäuser der Umgebung würden den Patienten ablehnen, der mittlerweile deutlich instabil geworden war. Mist. Vorhin sah die Situation noch viel besser aus ... Der Patient tolerierte die Maske nicht und riss sie sich immer wieder vom Gesicht mit den Worten, er würde ersticken. Wen wunderts. Ich war besorgt darüber, dass der Medikamentencocktail und der Sauerstoff nicht anschlugen. Mir fiel das ABCDE-Schema wieder ein, und, dass ich es nicht durchgeführt hatte. Ich war mir mit meiner Diagnose trotzdem sicher und presste das Stethoskop zum Abhören des Patienten auf die Haut. Es sank mehrere Zentimeter ein und fühlte sich an, als würde ich einen Luftballon auskultieren, der zu wenig Luft enthielt. Wenn ich dem Mann auf die Haut klopfte, fühlte sich das an, wie Pappe. Es machte nur »plopp, plopp, plopp.« Die Haut federte komisch. Und ich war wieder einem klassischen Fixierungsfehler unterlegen und hatte mich auf meine Blickdiagnose verlassen: geschwollenes Gesicht = allergische Reaktion. Der Mann hatte keine Allergie. Er hatte einen verdammten Spontan-Pneumothorax durch einen Leitersturz drei Wochen zuvor erlitten. Diese kleine, aber feine Information wäre mir nicht entgangen, hätte ich den Patienten sofort nach ABCDE untersucht. Bei »E« angekommen, wäre mir die gebrochene Rippe durch den Schmerz beim Abtasten nicht entgangen. Sie hatte sich nämlich gemütlich linksseitig in den unteren Bereich der Lunge gebohrt und eine Verletzung des Lungenfells verursacht. Dadurch drang Luft aus der Lunge in das Gewebe ein. Die Lunge war kollabiert und stand für die Atmung nicht mehr zur Verfügung. Das erklärte die schwere Atemnot. Im gesamten Gewebe des Mannes war die Luft nun verteilt und machte, dass der Mann so aufgedunsen wirkte. Na toll.

Wir schafften den Patienten sehr knapp, aber lebend in ein weiter entferntes Krankenhaus mit chirurgischem Schockraum. Der Arzt sah den Patienten und sagte, dass dies aber ein krasses Quincke-Ödem sei. Ich hörte mir die Übergabe des Notarztes an und sah, wie die Augen der Umherstehenden immer größer wurden, als sie bemerkten, dass der Patient so viel mit einer Allergie zu tun hatte, wie eine Kuh mit dem Muscheltauchen. Das Lachen war mir gehörig vergangen.

Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, strikt nach dem ABCDE-Schema vorzugehen – egal, ob sich der Patient nur in den Finger geschnitten hat, an einem eingewachsenen Zehennagel leidet oder als Polytrauma eingeklemmt im Straßengraben liegt. Für mich bedeutete dies ein Umdenken um 180 Grad. Ich empfand es anfangs als wahnsinnig schwierig und belastend, mein bisheriges Handeln und Denken zu vergessen, das ich mir 22 Jahre lang als Rettungsassistent reingeprügelt hatte. Von meinen Kollegen bekomme ich noch heute ab und an mitleidige Blicke, wenn ich beginne, den hundertsten Krankentransport aus dem Pflegeheim nach dem ABCDE-Schema zu untersuchen. Das stört mich aber nicht weiter, denn letzten Endes geht es um meine Sicherheit und um die des Patienten, der zu jeder Zeit ein Recht auf eine kompetente und zügige Behandlung im Notfall hat. Das ABCDE-Schema und alle beteiligten Algorithmen helfen mir, meiner mittlerweile immensen Verantwortung als Notfallsanitäter gerecht zu werden und nichts zu übersehen. Ich muss mich nur daran halten.

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