Eine von vielen

One Man Down
21. Januar 2016
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21. Januar 2016

Eine von vielen

Es war vor vier Wochen, als der Rettungswagen um die Ecke driftete und mit einem Ruck direkt vor der Einsatzstelle zum Stehen kam. Rettungsassistentin Sonja und ich waren das erste von etlichen alarmierten Rettungsteams. Kindergekreische drang aus den oberen Stockwerken entlang geborstener Fenster und fiel direkt vor unsere Füße. Die Rauchsäule über dem Mehrparteienhaus konnte man noch einige Ortschaften weiter wahrnehmen. Von der Feuerwehr weit und breit keine Spur. Nur das Jammern der örtlichen Sirene war zu hören.

»Ich gehe jetzt da rein! In dem Haus sind noch Kinder«, schrie mir Sonja zu und griff sich die Lampe.

»Nein. Zu gefährlich. Lass uns warten, bis die Feuerwehr da ist. Die haben Atemschutzausrüstung«, rief ich ihr hinterher.

»Dann sind die Kinder am Arsch!« Sonja betrat den Hauseingang und verschwand in der Dunkelheit. Nur der helle Kegel ihrer Taschenlampe war durch das vermilchte Glas des Treppenhauses sichtbar. Ich harrte der Dinge und hoffte auf ein baldiges Eintreffen der Feuerwehr. Katastrophentouristen hatten sich überall aufgestellt, die Fotoapparate im Anschlag. Dem Tod dicht auf den Fersen knipsten und filmten sie, was ihre Kameras hergaben.

Die Haustür flog auf und knallte gegen den Stopper. Sonja sprintete aus dem Hauseingang heraus und hatte zwei kleine Kinder in ihren Armen. Mittlerweile waren zwei weitere Rettungswagen eingetroffen und schlossen hinter uns auf. Sie kümmerten sich um die geretteten Patienten.

»Und was zum Teufel machst du jetzt?«, rief ich in Sonjas Richtung.

»Ich gehe noch mal rein. Wenn da zwei Kinder waren, müssen auch Eltern da sein.« Ich hatte keine Gelegenheit mehr, Sonja zurückzuhalten. Sie pisste auf den obersten Grundsatz im Rettungsdienst und missachtete die Vorschrift »Eigensicherung«. Die erste Priorität ist der Schutz des eigenen Lebens – die Gesundheit des Retters. Die spinnt total, dachte ich.

Zwei Minuten später. Das erste Löschfahrzeug. Sonja befand sich noch immer in dem brennenden Haus, das an den roten Backsteinmauern stark beschädigt war. »Da scheinen noch Menschen drin zu sein«, trat ich auf den Kommandanten zu. Inzwischen war der Qualm dichter geworden. Vor dem Gebäude biss sich der Rauch durch Hals und Lunge. Umstehende Gaffer und Betroffene mussten husten. Einer übergab sich. Sein Hausrat hatte sich bereits in Flammen aufgelöst. Ich hatte Angst um Sonja, denn erste Teile des Daches stürzten zu Boden.

. Der Kommandant trat nach erster Lageerkundung aus dem Haus und forderte seine Leute zum Rückzug auf. Das Gebäude sollte kontrolliert abbrennen.

»Spinnst du? Meine Kollegin ist noch da drin!«

»Was? Die ist wahnsinnig! Hält sich für unsterblich, oder? Wir können da nicht mehr rein. Es ist zu gefährlich. Siehst du die Flammen da oben?«

»Wenn nicht ihr, wer denn sonst? Oder willst du sie da drinnen verrecken lassen?«

Der Kommandant schluckte. Blickte mich an, dann das Feuer. Dann wieder mich. Schweiß glitzerte durch die schwarzen Kohlereste in seinem harschen Gesicht und vermischte alles zu einem schmierigen Brei. Fontänen an Wasser fluteten einzelne Zimmer und den Dachbereich des Hauses. Es knirschte.

Ich stürzte am Kommandanten vorbei und lief ohne jede Sicht in den verqualmten Hauseingang hinein. Lange musste ich nicht suchen. Am ersten Treppenabsatz stolperte ich über einen Körper. Sonja lag bewusstlos auf dem Boden.

»Sonja, verdammt! Sag’ was!« Keine Antwort. Ich packte sie, schulterte sie wie einen Sack Mehl und verließ das Haus. Wie auf Knopfdruck legte sich der Gebäudekomplex gleich einer Sprengung in Schutt und Asche. Vor unserem Rettungswagen stürzte ich und begrub Sonja unter mir. Mittlerweile war sie wieder zu sich gekommen, wand sich unter mir heraus und sah mich mit einem schwachen Grinsen an.

»Na, na, Christian! Was sollen denn unsere Leute von uns beiden denken? Es ist ziemlich schwierig, eine gute Ausrede für eine derart eindeutige Stellung zu finden.«

»Du kannst froh sein, dass du noch lebst. Wenn es nach dem Kommandanten gegangen wäre, hättest du das zweifelhafte Vergnügen gehabt, den Einsturz aus der allernächsten Nähe zu beobachten.« Ich sah wütend in das Gesicht des obersten Feuerwehrmannes.

»Was hätte ich machen sollen? Ich gefährde doch niemanden meiner Truppe, nur weil einer von euch Idioten Supermann spielen muss!«

»Vielen Dank, Löschi«, giftete Sonja und wandte sich ab. Löschknechte waren seitdem bei ihr unten durch.

Es gab nur zwei Überlebende. Die Kinder wurden mit einer Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus gebracht. Zusammen mit vier weiteren Menschen starben die Eltern in der Flammenhölle.

***

»Christian?« Die Tür zum EDV-Büro der Rettungswache geht auf und Lennys Kopf ist zu sehen. Ich schrecke auf – ich muss wohl geträumt haben. Vor mir leuchtet der Monitor mit einem Einsatz von vorgestern, der noch immer zu bearbeiten ist. Ein Verkehrsunfall.

»Willst du weiter machen? Es ist schon halb zwei vorbei.«

»Ja. Geh’ doch einfach schon mal nach oben. Ich muss diesen Einsatz noch in den Computer eingeben.«

»Alles klar. Wir sollten ausnutzen, dass wir heute ein wenig Ruhe haben.«

»Gute Nacht, Lenny. Und angenehme Träume.«

Ich blicke auf den Monitor, lese Sonjas Namen und fühle mich mies. In der heutigen Tageszeitung konnte man den Weg lesen, den sie gegangen war. Rettungsassistentin Sonja Elisabeth Levanda, Akademie für Notfallmedizin, summa cum laude. Inhaberin aller Zertifikate der Rettungsmedizin und eine Ausbildung zum Europäischen Paramedic. Zudem leidenschaftliche Sportlerin. Klettern, Kampfsport und eine schnelle Rennmaschine. Einer der besten Retter, die ich je kennengelernt habe. Auf Sonja konnte man sich immer verlassen. Egal, wie aussichtslos die Lage war.

Vorgestern war der Tag, an dem sie starb. Verkehrsunfall mit einem Lkw, der sie und ihre Maschine unter sich begrub, ohne ihr den Hauch einer Chance zu lassen. Nicht Lenny und ich, sondern ein anderes Team wurde zu diesem Einsatz geschickt. Die Kollegen stehen unter Schock.

Sonja war schon immer eine besondere Art von Junkie. Schnelle Einsätze, harte Kicks und ein giftgrünes, pfeilschnelles Motorrad. Als sie nicht mehr genug bekommen konnte, tat sie das, was die meisten Rennsportler irgendwann einmal tun. Sie half ihrem Nervenkitzel durch exzessive Überschreitung der Höchstgeschwindigkeit auf die Sprünge.

Obwohl Sonja im Leben etwas ganz Besonderes war, trennt sie im Tod nichts mehr von den anderen Opfern der Straße. Sie ist nur eine von vielen.

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