Rettungsdienst an Heiligabend

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Rettungsdienst an Heiligabend

Einsätze kommen einfach – ob man es will oder nicht. Retter werden niemals arbeitslos, denn es wird immer Menschen geben, die Hilfe benötigen. Schnell und dringend, weil sie oder Angehörige in Lebensgefahr oder schwere gesundheitliche Schäden abzuwenden sind.

Das funktioniert im Idealfall so:

  • der Bürger wählt die 112 und hat unmittelbar einen kompetenten Leistellendisponenten am Hörer, der sich angemessen vorstellt (Zeiterfordernis: 2 Sekunden). Beispiel: »Rettungsdienst- und Feuerwehrnotruf, mein Name ist Müllermeierhuber.«
  • noch während der Bürger die Situation schildert, hat der Disponent bereits ein klares Bild vor seinen notfallerfahrenen Augen
  • bereits während des Gesprächs entsendet der Disponent die notwendige Hilfe
  • den Bürger klärt er darüber natürlich auf, dass noch während des Gesprächs Hilfe schon unterwegs ist
  • die Trefferquote aller Disponenten für eine korrekte Verdachtsdiagnose liegt bei 90%
  • darauf verlässt sich das Team des RTW und bereitet sich mental auf den Einsatz vor
  • vor Ort liegt eine Situation vor, die den Einsatz eines Rettungswagens tatsächlich berechtigt

Der Regelfall sieht aus meiner höchstpersönlichen satirischen Sicht leider anders aus. Nämlich so:

  • Zunächst muss der Anrufer grundsätzlich entscheiden, ob er etwas lebensbedrohliches hat oder eher einen Ärztlichen Bereitschaftsdienst haben möchte. Das ist für den Durchschnittsbürger in Deutschland auch in akuten Stresssituationen absolut kein Problem. Alle Telefonnummern hat der Anrufer abufbereit im Kopf.
  • Der Bürger wählt die 112 und landet zunächst in einer Warteschleife, die ihn zum Nicht-Auflegen und geduldigen Verweilen auffordert. Die Zeit und Geduld bringt der Bürger selbstverständlich auf, ohne durchzudrehen. Er hat ja Zeit.
  • Die Warteschleife ist mehrsprachig, damit auch ältere, vielleicht schwerhörige Herrschaften aus dem ländlichen Bereich wissen, dass sie absolut richtig sind und nun warten müssen. Alle auf dem Land aufgewachsene Generationen beherrschen selbstverständlich mehrere Sprachen fließend und werden hierdurch nicht irritiert.
  • Wenn der Bürger Glück hat, bekommt dieser nun einen »alten Hasen« an den Hörer. Das Gespräch läuft dann wie ganz oben beschrieben. »Alte Hasen« sind nicht abhängig von der Computertechnik, die einem jegliche Individualität und Selbstständigkeit wegnimmt. Nein … »Alte Hasen« bestehen nach wie vor darauf, alle Entscheidungen selbst zu treffen.
  • Wenn der Disponent abhebt, sagt er in der Regel »Notruf« oder »Rettungsdienst«, begleitet von Geräuschen, die sich wie schabende Kleidung am Mikrofon anhört.
  • Noch bevor erkannt wird, welcher Notfall überhaupt vorliegt, wird mindestens ein Rettungswagen zugesichert. Frei nach dem Motto: »Ich schick’ Ihnen gleich die Kollegen…die sollen sich das lieber mal ansehen!«
  • Wenn der Rettungswagen am Einsatzort eintrifft, ist es entweder a) eine KVB-Vermittlung, b) ein Hölleneinsatz, bei dem wesentlich mehr Rettungsmittel erforderlich sind oder c) ganz was Unerwartetes, wobei a) auch eine der Kernaufgaben für Leitstellen darstellt. In 0,001 % aller Fälle stimmt die Verdachtsdiagnose zufällig.
  • Bei defizitärem Abfrageverhalten des Disponenten ist die Einsatzmeldung »erkrankt« oder »verletzt«.

Auch an Heiligabend hatte ich wieder einmal das Gefühl, Vor-Ort-Vermittlung für den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst zu sein. Das erste Kind mit einem querliegenden Pups schickte ich mitsamt der Eltern in eine Kinderklinik. Das zweite Kind (ja, an dem Abend war scheinbar Kindertag) hatte Halsweh. Auch dieses Kind schickte ich um 2:30 Uhr ohne Komplikationen mit den Eltern in eine Kinderklinik. Das dritte Kind hatte lediglich Grippe mit Fieber. Auch in diesem Fall erklärten die Eltern, ohne Probleme selbst in eine Klinik fahren zu können, nachdem das Maß an fiebersenkenden Medikamenten bereits ausgeschöpft war. Die Eltern riefen übrigens schon mit den Worten an, »sie können in eine Klinik fahren«, und eigentlich wollten sie nur wissen, ob sie »am Heiligen Abend auch drankommen.« Das ist zwar eine unglückliche Frage, der Bürger hat aber das Recht, eine Auskunft auf diese Frage zu erhalten. Noch wesentlich unglücklicher war die Reaktion des Disponenten (»das soll sich mal lieber jemand ansehen«).

Der Rest des Abends war sehr nett. Auch »Horst«, der um halb vier an der Bushaltestelle auf den nächsten Bus nach Hause wartete. Vollgesoffen bis unters Dach und vollgeschissen bis in den Scheitel war es für den Busfahrer sicher ein netter Schichtbeginn.

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