Russisch für Anfänger

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Russisch für Anfänger

Die Aussicht ihrer Wohnung im neunten Stock des Hochhauses war so, wie ich es mir für mich manchmal wünschte. Leisten konnte ich es mir nicht. Die Mieten für so eine Wohnung waren unbezahlbar.

Sie war einsam seit dem Tod Ihres Mannes einige Jahre zuvor. Die fortgeschrittene Lungenerkrankung ließ sie zum Telefonhörer greifen. »Schön, dass Sie da sind«, sagte sie und lachte trotzdem, »ich rufe Sie nicht so gerne an, aber meine Atmung ist wieder schlecht.« Der Einsatz aus medizinischer Sicht: Routine.

Auf der Fahrt ins Krankenhaus erzählte sie mir von ihrer Zeit in der Ukraine, aus der sie stammte. Ihre Zeit als Krankenschwester in einem russischen Feldlazarett muss eindrucksvoll und traumatisierend für die damals Fünfzehnjähige gewesen sein. Sie berichtete von den Landsern, die ihre verwundeten Kameraden ins Lazarett schleppten. Sie erzählte auch von Stalin, dessen Gefahr für Leib und Leben allgegenwärtig gewesen zu sein schien. Zurecht hatte sie Angst vor ihm und der Liquidierung durch dessen Geheimagenten. Sie war froh, dass sie im Hier und Jetzt war.

»Dann sprechen Sie russisch, oder?«
»Ja, natürlich. Ich habe keine Übung mehr, aber so etwas verlernt man nicht«, antwortete sie.
»Spasibo«,  fiel mir ein. Danke auf russisch und sinnfrei an dieser Stelle. Aber ein anderes Wort beherrschte ich nicht.
»Spasibo«, korrigierte sie mich und meine miserable deutsche Betonung, »cпасибо… да.«

Sie freute sich über uns und unsere Zuwendung. Sie freute sich, dass wir so freundlich seien und uns »aufopferten« für sie. »Das ist doch selbstverständlich«, war meine Antwort. War es auch. Ich verabschiedete mich mit den Worten »Alles Gute« und war mir sicher, dass dies der letzte Aufenthalt der alten Frau im Krankenhaus gewesen ist.

Nachfolgend die letzte Nachtschicht in Bildern

 

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