Verirrt in Hässlichkeit

Nichts zu tun
15. August 2011

Verirrt in Hässlichkeit

Verdammt kalt ist es hier in Essen. Viel kälter als sonst irgendwo. Und Regen, wohin man blickt. Sogar die Sonne hat keinen Bock, hierher zu kommen und zu scheinen. Graue Betonklötze zieren die Stadt in jede Himmelsrichtung. Bauzäune grenzen den verzweifelten Versuch ab, grüne Erdhügel und Parkanlagen zu züchten. Es misslingt.

Die Städteplaner von Essen haben keine Ahnung davon, was sie tun. Die Zaunanlagen sehen aus wie der klägliche Versuch, Köter und Kinder vom Betreten abzuhalten und umzäunen die hingewürgten Erdhaufen. Willkommen in Essen.

Morgens acht Uhr. Ich habe gerade noch einen Sitzplatz in der Straßenbahn ergattert, die zwei Stationen weiter aus allen Nähten zu platzen droht. Es stinkt wie im Affenstall. Einer der Fahrgäste verbreitet den tränentreibenden Geruch saurer Achselhöhlen und des ungeduschten Intimbereiches. Ich ziehe das Ende des Waggons vor, doch der Geruch verfolgt mich, bis ich an meiner Zielstation ankomme. Guten Morgen in Essen.

Die Heimfahrt in der klapprigen Straßenbahn gleicht einem Himmelfahrtskommando. Wenn man sich kurz nach dem Betreten nicht unverzüglich festhält, lernt man die Folgen einer Frontalkollision zwischen der eigenen Fresse und der vergilbten, zerkratzten Plexiglasscheibe am Einstieg des Waggons kennen. Der Zugführer hat scheinbar vergessen, sich vor Dienstbeginn einen von der Palme zu wedeln und lässt seinen ungezügelten Aggressionen stattdessen freien Lauf. Das Resultat bekomme ich in Form einer Prellmarke am Knie zu spüren.

Auf dem Weg zum Hotel. Das rot-weiße Langneseschild leuchtet in der Entfernung und erinnert mich an meine Kindheit und den Appetit auf Süßes im Kiosk, welcher dort liebevoll »Büdchen« genannt wird. Die Tür öffnet schwer, eine Glocke läutet. Hinter dem Tresen steht jemand, der gerade die Kasse geraubt haben könnte, während der echte Kassierer gefesselt und geknebelt im Hinterzimmer sitzt. Der mit einer Lederjacke bekleidete türkische Kassierer grüßt nicht, blickt mich an und sagt nichts. Die Bude ist verqualmt bis unter die Decke, Tapete hängt in Fetzen herunter. Ich kann nicht atmen, zahle meine Packung Mentos und die fünf Weingummischlümpfe und verpisse mich in die Nacht. Der Türke murrt etwas, das sich wie »Schönen Abend noch« anhört. Einen ganzen verdammten Euro hat er mir abgeknöpft.

Zurück auf der Straßen herrscht pure Dunkelheit. Der Mond scheint es der Sonne nachzumachen und lieber irgendwo anders zu leuchten. Nur die surrende flackernde Laterne lässt mich erahnen, dass hier eine Straße entlang führt. Entlang zu meinem Hotel, vorbei an dunklen Geschäften und geschlossenen Bars und Restaurants. Alles dicht – um zehn Uhr abends. Ich frage mich, was der Essener nach Feierabend macht. Vermutlich vertreibt er sich seine Zeit mit Selbstmord. Verstehen könnte ich es.

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