Visite

Eine von vielen
21. Januar 2016
Verguckt
12. Februar 2016

Visite

Städtisches Bezirkskrankenhaus München-Haar, Abteilung für Psychosen und Sucht. Ich heiße Paul, und dies ist seit sechzehn Monaten mein Wirkungskreis. Hier lebe und arbeite ich, gebe mein ganzes Können und Wissen an die armen, bedauernswert kranken Menschen weiter. Ich gehe vollständig auf in meiner psychologischen Arbeit, kenne keinen Feierabend, kein Wochenende und keine Freizeit. Die Patienten sind meine Kinder. Ich sorge Tag und Nacht wie ein Vater für sie.

Zeit für die Abend-Visite. Ich gehe in mein Zimmer, ziehe einen frischen Arztkittel an, hänge das Stethoskop um den Hals. Der kleine Wagen muss mit, in dem die Patientenakten eingehängt sind. Oben auf den Wagen stelle ich einen Behälter, in dem die nötigen Medikamente, Spritzen, sterile Tücher und andere Utensilien auf ihren Einsatz warten.
Es ist still auf dem Gang. Die Patienten haben alle schon zu Abend gegessen, sind gewaschen und sollten jetzt in ihren Betten liegen. Besucher gibt es auf dieser Abteilung so gut wie keine, weil man für Besuche eine besondere Genehmigung braucht. Hier auf der Abteilung sind nur die ganz schweren Fälle. Die Besucher müssen deshalb kontrolliert werden. Aber die Besuchszeit ist schon lange vorüber, ich brauche jetzt wirklich keine Störungen.
Meine erste Patientin ist Diana. Sie ist schon länger hier als ich. Schizophrenie – eine beschissene Diagnose. Auf den Namen Diana reagiert sie nicht. Sie ist Königin Elisabeth, und mich hält sie für Maria Stuart.

„Guten Abend, Majestät, war an diesem Tag alles zu Eurer Zufriedenheit?“ frage ich sie und blättere in ihrer Akte.
„Wache“ schreit sie erbost, „ schafft mir diesen grässlichen Typ aus den Augen. Warum läuft er hier noch herum? Habe ich nicht befohlen, dass er geköpft werden soll? Wache!“
Ich lächle wie ein Kind am Jahrmarkt, streiche ihr über die Haare, was sie nur sehr widerwillig über sich ergehen lässt. „Majestät, Ihr seid sehr erregt. Ich werde Euch etwas zur Beruhigung verordnen. Für die augenblickliche Aufregung empfehle ich ein Abkühlungsbad.“
Es ist ein schweres Stück Arbeit, sie aus dem Bett und ins Badezimmer zu schaffen. Sie wehrt sich, aber das nützt ihr nichts. Ich lege sie in die Wanne, binde sie fest, damit sie sich nicht verletzen kann, weil sie wild um sich schlägt. Langsam lasse ich das eiskalte Wasser einlaufen. Kaltes Wasser ist bei dieser Art psychischer Eskalation sehr effektiv. Damit sie nicht so laut schreit, klebe ich ihr den Mund mit einem Pflaster zu. Mindestens eine halbe Stunde wird sie jetzt abkühlen, und anschließend ist sie, nach meiner Erfahrung, friedlich wie ein Lamm. So, das wäre geschafft, die erste Patientin optimal behandelt und aufs Beste versorgt. Nur noch die Eintragungen in das Krankenblatt, das ist schnell erledigt.
Im nächsten Zimmer habe ich nicht viel zu tun. Teilnahmslos und apathisch liegt Michael in seinem Bett. Er ist ungefähr hundert Jahre alt. Von seiner Umgebung bekommt er so gut wie nichts mehr mit. Ich messe ihm nur schnell den Blutdruck, höre sein Herz ab, lege ihm einen neuen Blasenkatheter. Was für ein altes, verhutzeltes Ding er hat. Ich habe meine feinen Gummihandschuhe angezogen, die Hygienevorschriften müssen auf jeden Fall eingehalten werden. Damit er nicht aus dem Bett fällt, ziehe ich die Gurte an seinen Händen noch ein wenig fester. Auch die Gurte an seinen Beinen sind zu locker. Die Infusion könnte ein wenig schneller laufen. Immer muss ich alles selbst machen. Vielleicht wäre eine zweite Dosis Beruhigungsmittel nicht schlecht, damit er auf jeden Fall eine ruhige, friedliche Nacht hat. Ich nehme das entsprechende Medikament, ziehe es in eine Spritze auf und gebe es in die Glukoseinfusion.
Prüfend schaue ich ihn noch mal an. Ja, die Notrufklingel liegt genau neben seinem Kopf. Wenn er sich umdreht, wird ihn das stören. Ich hänge sie an den Bettgalgen. Mit den zusammengebundenen Händen kann er ohnehin nicht klingeln.
Er atmet sehr heftig, rollt mit den Augen, stöhnt zum Herzerweichen. Anscheinend will er etwas sagen. Aber Sprechen regt ihn nur zusätzlich auf, ich denke, ich klebe auch ihm ein Pflaster über den Mund.

Jetzt sollte alles in Ordnung sein. Wieder der Eintrag ins Krankenblatt – das darf niemals vergessen werden. Es ist Zeit für den nächsten Patienten.
Ach, ein Neuzugang. Die Krankheitsgeschichte kenne ich noch gar nicht. Versuchter Selbstmord. Na, Jungchen, hat es diesmal nicht geklappt? Ich werde sehen, was ich für dich tun kann.
Er schläft. Was für ein hübsches Kerlchen. Da sollte es eigentlich Spaß machen, einen Katheter zu legen. Später, wenn noch genügend Zeit bleibt. Ich lese seine Akte. Aha, Dennis heißt du. Akuter depressiver Zustand nach Verlust des Arbeitsplatzes. Schulden ohne Ende. Und der Partner hat dich auch noch verlassen. So, so, eine kleine Schwuchtel bist du. Warum schläft der Kerl so lange? Wahrscheinlich hat er ein starkes Beruhigungsmittel bekommen. Ob das wirklich so gut ist nach seiner Tabletten- Vergiftung? Ich glaube, ich spritze ihm mal ein Aufwachmittel und mache gleich die erste Therapiestunde mit ihm. Wenn jemand solche massiven Sorgen hat, da hilft nur viel Zuwendung. Die kann er gerne von mir bekommen, ich habe ein sehr mitfühlendes Herz.
Ich setze ihm die Spritze, löse seine Gurte. In zehn Minuten sollte das Medikament wirken und er langsam aufwachen. Ich glaube, ich werde die Balkontür ein wenig öffnen, damit er genügend Sauerstoff bekommt. Wir sind hier im dreizehnten Stock, da muss er keine Angst vor Eindringlingen haben. Ich werde nachher noch mal nach ihm schauen. Wenn er dann noch da ist.
Auf zum nächsten Patienten. Eilig öffne in die Tür, doch draußen auf dem Gang erwartet mich eine Überraschung. Vier Pfleger stürzen auf mich los, zwei Ärzte sind dabei. Sie halten mich fest, reden auf mich ein. Ich will diese verdammte Zwangsjacke nicht, ich muss doch meine Visite zu Ende machen. Ich will auch keine blöde Spritze, ich will nicht schon wieder schlafen, ich muss doch arbeiten! Es warten noch so viele Patienten auf meine Hilfe. „ Ich will nicht, lasst mich sofort los, ich will nicht, lasst mich los! Verdammtes Ärztepack, ich bin nicht verrückt, ich doch nicht, lasst mich meine Arbeit machen. Ihr Teufel, euch hat die Hölle ausgespuckt! Mama, hilf mir!“
Ich fühle, wie der Ärmel meines Kittels hochgeschoben wird, eine Spritze bohrt sich in meine Vene und gnädige Dunkelheit legt sich über mich wie ein schützender Mantel. Ganz entfernt höre ich noch eine Stimme: „Hoffnungsloser Fall. Unheilbar. Austherapiert. Ich glaube, wir müssen ihn jetzt isolieren. Das letzte Mal haben wir schon zwei Patienten verloren, das darf nicht noch einmal passieren. Wer hat DEN eigentlich aus seinem Zimmer gelassen?“

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