One Man Down

Zimmer 6-29
21. Januar 2016
Eine von vielen
21. Januar 2016

One Man Down

 

„Ālmān“.  Das bedeutet „Deutschland“. Der Schriftzug ziert in der Landessprache Afghanistans die Flagge auf den deutschen ISAF-Fahrzeugen, mit denen wir am Hindukush unterwegs waren. Das Thermometer kratzte heute erneut an der 40-Grad-Marke. Der Wind, der uns eigentlich ein wenig Abkühlung verschaffen sollte, brachte nichts als Hitze. Seit Tagen war nicht eine Wolke am Himmel zu sehen, und die Klamotten klebten an mir, als hätte man sie von innen mit Harz bestrichen. Auch meinem Hauptgefreiten Arri ging es sicher nicht viel besser. Er fluchte gelegentlich vor sich hin, was denn das hier wieder für eine Mission sei und weshalb dies nötig wäre. Und, warum das hier so heiß sei. Ich musste lachen, weil das eine ausschließlich rhetorische Frage war, und niemand in der Lage war, das Wetter zu beeinflussen. Arri war einfach so. Das Fluchen gehörte für ihn zum Leben dazu, wie das Atmen. Arri machte oft einen pomadigen Eindruck. Es erinnerte mich an meine Zeit als Kind, in der alles unbekümmert und behütet war und ich so viel gelacht hatte. In der nächsten Sekunde war Arri still und in sich gekehrt und starrte auf den Boden. So, als hätte ihn der Gedanke des Todes und der des völlig ungewissen Ausganges getroffen, wie der Blitz aus heiterem Himmel.

„Hättest du dir je gedacht, dass wir hier so einem Spinner hinterherfahren, der wahrscheinlich nur irgendwelche Kamelfelle geladen hat?“, sagte Arri und blickte dabei angespannt in die Richtung der grauen Steinwälle.

„Nein“, sagte ich, „hätte ich sicher nicht.“ Gleichzeitig deutete ich nur durch meinen Blick an, den Auftrag beenden zu wollen, um rechtzeitig zurück im Camp zu sein. Deutschland spielte an diesem Tag gegen Schweden. Und ich hoffte auf einen Sieg.

Es ging um Aufklärung. Zwei Stunden zuvor sickerte die Meldung durch, dass ein Terroranschlag von Aufständischen in der Nähe von Camp Warehouse durchgeführt werden sollte. Unsere Aufgabe war es, eine verdächtige Person zu überprüfen, die in der Nähe unseres Lagers entdeckt worden war. Aufgrund des Feiertages war sonst niemand im Camp. Wir waren also gefragt. Der Chief meinte, wir seien zwar bei der Feuerwehreinheit, aber es helfe im Moment gar nichts  – wir müssten den Verdächtigen überprüfen.

„Schnappt euch den Wolf, und los!“, sagte er, drehte sich um und schlug die Tür zu seinem Büro zu. „Feuerwehr“ stand hinten auf dem in rot lackierten Mercedes. Die alten Blaulichter mit Drehspiegeln funktionierten noch. Notwendig waren sie hier nicht.

Ich griff mir mein G36 und die Handfeuerwaffe. Tony lachte an der Waffenausgabe, teilte mir die Munition aus  und wünschte uns einen erfolgreichen Einsatz. Und, dass wir pünktlich zurück sein sollen. „Vergesst nicht, das Ding hier auszufüllen.“ Ach ja – der Anforderungsschein samt Durchschlag.

Beim Verlassen des Camps hinterließen wir eine ganze Menge Staub. Der Verdächtige war schnell gesichtet – er bewegte sich in Richtung stadtauswärts und fuhr einen rostigen Toyota-Kombi, an dem überall Farbe abblätterte, wie Schneeflocken im Winter. Die Karre musste einst als Taxi gedient haben – die gelbe Lackierung erinnerte an ein amerikanisches Cabby. Ein weißer Rally-Streifen zierte die Seite. Wir hielten Abstand. Er sollte nicht gleich auf den Plan gerufen werden und sich unserer Kontrolle entziehen.

„Wo halten wir den Typen an?“, sah ich Arri an.

„Lass ihn uns hinter dem großen Wall stoppen.“

Der Wall bot die Möglichkeit, dem Typen jede Möglichkeit zur Flucht abzuschneiden.

Ein Blick genügte, und schon wusste ich, dass ich den Typen ansprechen würde. Arri würde mir Deckung geben. Der arabische Typ würde sich als einfacher  Händler identifizieren, uns mit Ausdrücken beschimpfen, die wir ohnehin nicht verstünden und uns vor die Füße spucken. So war mein Gedanke. In dieser Situation machte sich zudem ein Problem bemerkbar, das wie so oft außerordentlich bedrohlich für uns war. Nämlich die Tatsache, dass einfach jeder Araber gleich für uns aussah. Ob er nun als Händler unterwegs war oder eine Kalaschnikow  im Fußraum seines verrotteten Autos versteckt hatte, konnte absolut niemand von uns sagen.  Jeder Afghane verhielt sich uns gegenüber zunächst bedeckt. Die meisten wollten nicht mit uns sprechen, weil sie Angst vor Racheakten der Aufständischen hatten. Außerdem war da noch die Sprachbarriere. Wir hatten zwar einen Sprachvermittler, dieser konnte sich jedoch nicht in zwei Stücke teilen und stand uns oft genug nicht zur Verfügung, weil dieser sich gerade auf irgendeinem anderen Einsatz befand. Wir waren nur da und machten den meisten Afghanen vermutlich nur Angst. Wir brachten aber nichts. Noch nicht einmal den Frieden.

Der Typ in seinem Toyota schien irgendetwas zu ahnen. Die rostige Karre beschleunigte, der Typ blickte in den Rückspiegel. Wir hatten uns nicht auffällig verhalten. Das bedeutete im Klartext, dass der Typ irgendwie Dreck am Stecken haben musste. Scheiße. Er bog in kleine Seitenstraßen ab und bewegte sich wieder in Richtung Kabul City. Kurz bevor er die Route Violet erreicht hatte, bog er wieder links ab, bewegte sich durch schmale Gassen und landete schließlich in einer verlassenen Straße ganz in Nähe vom Camp Warehouse.

BAM!

Ein Knall von links. Vor Schreck trat Arri so auf die Bremse, dass unser Wolf mit einem Ruck zum Stehen kam. Noch bevor wir das Fahrzeug verlassen konnten, sah ich eine Holzhütte, an der ein riesiges Holzbrett gelehnt hatte, das umgefallen und auf einen Holzstapel gestürzt war. Arri schlug mir auf die Schulter und erlöste mich aus meiner Starre.

„Du bist schreckhaft heute“, sagte er, „das war nichts! Der Typ ist schon fast außer Sichtweite.“ Ich schluckte. Arri gab Gas.

Kennen Sie das, wenn Sie mit Ihrem Auto fast einen Unfall gebaut hätten? Oder, wenn jemand einen Ballon direkt hinter Ihnen zum Platzen bringt? Zuerst erstarren Sie. Einige Sekunden später rauscht das Adrenalin in Ihre Blutbahn und beschleunigt Ihren Herzschlag wie verrückt. Die peripheren Gefäße in Ihren Armen und Beinen verengen sich und bewirken einen Blutdruckanstieg. Das Herz schlägt Ihnen förmlich bis zum Hals, und es dauert einige Sekunden, bis sich Ihre Anspannung wieder normalisiert. Natürlich – ich weiß, dass wir als Soldaten besonders für solche Situationen trainiert sein müssen, aber es ist ein Unterschied, ob es sich um eine Trainingssituation handelt, oder um einen möglicherweise lebensgefährlichen Ernstfall. Außerdem war ich bei der Feuerwehreinheit. Ich erwartete, in Brand- oder medizinischen Notfällen Hilfe zu leisten. Nicht aber,  irgendwelche Araber in ihren Autos zu verfolgen und kontrollieren zu müssen.

Es dauerte nicht lange, und wir hatten den Typ wieder eingeholt. Er verlangsamte seine Geschwindigkeit und machte den Anschein, dass er die Situation vollkommen verstanden hätte. Er schien bereit zu sein, sich kontrollieren zu lassen. Ihm musste klar sein, was unsere Mission hier sei. Ihm musste auch klar sein, dass wir eine derartige Kontrolle auch zu seinem eigenen Schutz und dem seiner Familie durchführen würden.

Arri öffnete seine Tür und ließ dem Araber keinen Zweifel darüber, dass wir unsere Waffen auch benutzen würden. Der Araber bewegte sich zunächst nicht einen Millimeter. Er sah uns mit versteinerter Miene an. Die Entfernung: circa 15 Meter hinter dem gelben Toyota.

Ich schrie etwas, das sich wie el- furush anhörte – aussteigen. „ISAF! Get out of the car! ISAF!”. Mein Englisch war nicht das Beste. Aber  hierfür reichte es.

“Get out or we fire!” Arri war deutlicher. Es war uns vorgegeben, wie wir Einheimische ansprechen müssen.  Ich hatte unseren Wagen bereits verlassen und trat um jeden einzelnen Schritt bedacht um den Wolf herum, den Blick nicht von dem Araber weichend. Bis hierher fühlte ich mich außergewöhnlich gut. Wir hatten die totale Kontrolle über die Situation, als das Schloss der rostigen Toyotatür klickte und sich ein Spalt breitmachte. Der Araber schien einzulenken. Ich schmeckte das Salz meiner schwitzigen Haut auf meinen Lippen und sehnte mich in diesem Moment nach einer kühlen Fontäne. Cola, Wasser. Oder auch ein Bier – egal. Ich wollte die Kontrolle endlich beenden und drehte mich nach Arri um. Wollte ihm etwas deuten. Er sollte mir Deckung geben, während ich auf die rostige Karre zuging. Doch dazu kam es nicht. Ein Schlag hämmerte mir in den Rücken hinein. So in etwa, als träfe mich von hinten eine Abrissbirne auf einer Baustelle. Nur in doppelter Geschwindigkeit. Oder sogar in dreifacher – so genau weiß ich das nicht mehr.

Ich hatte den Schuss des gerade eben auf mich abgefeuerten Gewehres auf jeden Fall nicht gehört.

***

Wenn es um das Töten von Lebewesen ging, waren wir Menschen schon immer große Klasse. Immer mehr musste es sein. Immer potentere Waffen, die es einem immer einfacher ermöglichen würde, jemanden umzulegen. Als man merkte, dass man mit einem Vollmantelgeschoss einen zu großen Kollateralschaden hervorrief, wurden daraus die Teilmantelgeschosse. Diese pilzen beim Aufprall auf einen Körper auf uns deformieren sich. Dadurch erreicht man eine hohe Mannstoppwirkung und gefährdet niemanden, da das Geschoss nicht durch das Ziel hindurch schlug. Wie Hohn erscheint es hierbei, dass viele dieser Geschossarten aus Gründen des Gesundheits- und Umweltschutzes in Deutschland kein Blei enthalten dürfen.

Um einen noch größeren Tötungseffekt zu erhalten, wurde später die Spitze des Geschossmantels abgefeilt. Die Folge war eine starke, unkontrollierte Deformation bis hin zur Zerlegung des Geschosskörpers, wenn dieser in den Körper eintritt. Schwerste Verletzungen, wie zum Beispiel hoher Blutverlust durch einen großen Gefäßdefekt und eine große Austrittswunde sind die Folge. Die vielen Splitter gestalten eine wirksame Wundversorgung sehr schwierig.

Dieses sogenannte Dum-Dum-Geschoss des Kalibers 9 Millimeter hatte mich in den Rücken getroffen. Der Araber hatte ein Gewehr dabei und wollte sich seinen Weg schlicht und ergreifend freischießen. Arri zögerte nicht lange. Er legte an und feuerte dem Araber hinterher. Der rostige Lada wurde mehrfach von Arris Kugeln aus dem G36-Gewehr getroffen, verfehlten den Typen jedoch.

„Wie zum Teufel kann es sein, dass Du 30 Kugeln auf diesen Typen gefeuert und nicht getroffen hast?“, sagte ich später. Arri war völlig perplex gewesen. Sie müssen sie sich vorstellen: die Schrecksekunde. Der Moment, in dem man nicht in der Lage ist, sich zu bewegen oder zu reagieren. Danach sind die Gedanken schneller als die Motorik. Und die Geschosse fliegen vorbei.

Später erfuhr ich, dass Arri vom Dienst abgezogen worden war und in Deutschland vor Gericht gestellt werden sollte. Man behauptete, er hätte einem Flüchtenden hinterher geschossen. Man behauptete auch, der gegenwärtige rechtswidrige Angriff sei bereits abgeschlossen gewesen. Somit wäre Arris Schussabgaben eine versuchte Tötung. Sie lesen richtig: Auch im Kunduz machen deutsche Strafverfolgungsbehörden keinen Halt. Beim Prozess selbst kam nichts heraus. Außer, dass mein Glauben an den deutschen Rechtsstaat eine kleine Kerbe erhielt.

Ach ja – wie Sie lesen können, habe ich den Einschlag des Dum-Dum-Geschosses überlebt. Dies habe ich ausschließlich der Tatsache zu verdanken, dass ich selbst etwas Geld in die Hand genommen und in eine etwas bessere Schutzweste investiert hatte. Das Geschoss hatte die Weste nur zu einem winzigen Teil durchdrungen und mir ein Andenken in Form einer kleinen Narbe am Rücken hinterlassen. Der grün-blau-rot schillernde Bluterguss von der Größe zweier Fußbälle war nach wenigen Wochen vollständig verschwunden. Auch die angeknackste Rippe war bald wieder in Ordnung und erinnert mich heute nur noch bei Wetterwechsel an das gruselige Ereignis. Und daran, dass dieser Krieg vielleicht niemals enden würde.

 

 

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