Zimmer 6-29

Einstieg
20. Januar 2016
One Man Down
21. Januar 2016

Zimmer 6-29

Das silbergraue Hotel in München-West hatte dutzende Zimmer, die an der kompletten Front verglast waren. Das Fensterglas sah aus, als hätte man Spiegel als Sichtschutz verbaut. Eine vertikale Reklameschrift aus verschiedenfarbigen LEDs zeigte den Slogan – »… weil Sie entscheiden!« Die Farben wechselten je nach Tages- oder Nachtzeit automatisch. Die Eingangstür bestand aus Glas und hatte die Größe von zehn Billardtischen. Das Glas war abgedunkelt, der geschwungene Griff schien aus echtem Gold zu sein. Ein Page war ausschließlich dafür abgestellt, diese Tür zu öffnen.
In der großen Halle standen die Unentschlossenen. Sie sprachen nicht, sahen sich nicht an. Brauchten keine Münder, keine Augen. Glasige Blicke sahen ins Leere. Ein Mann trat an die Rezeption und blieb davor stehen. Die Dame gab ihm den Schlüssel und lächelte ihm zu. »Angenehmen Aufenthalt. Schön, dass Sie sich für unser Hotel entschieden haben.« Dame war übertrieben. Das blonde, langhaarige Mädchen war keine zwanzig Jahre alt. Sie besaß blaue Augen und einen Körper, von dem der größte Teil der Männer in einsamen Nächten nur träumte. Allerdings zählte das zu dem Zeitpunkt nicht mehr viel. Seit VirtMed Inc. die künstlichen Stimulatoren auf den Markt geworfen hatte, diente Sex unter Menschen nur noch der Fortpflanzung. Und die wurde per Gesetz vorgeschrieben.
Der Mann, der auf den Namen Robert Morgenstern hörte, nickte der Empfangsdame zu. Seine Lippen umspielte kein Lächeln. Er war nicht hier, um Spaß zu haben oder seinen Aufenthalt zu genießen. Alles, was er wollte, war seine Ruhe. Endlich Ruhe und Einsamkeit. »Sechste Etage, Herr Morgenstern«, sagte das Mädchen und lächelte ihn mit emotionaler Kühle an. 2048 war einfach nicht sein Jahr. Wieder nickte er, drehte sich aber nicht einmal um. Wozu auch? Er hielt den Schlüssel in der linken Hand. Auf dem vergoldeten Anhänger standen die Ziffern 6-29.
Wie in Zeitlupe stieg er die grauen Treppen hinauf. War seine Entscheidung richtig? Welche Chance hatte er noch auf dem Arbeitsmarkt, wenn ausschließlich Roboter seine Arbeit übernahmen? Welchen Sinn machte seine Ehe, wenn ihn seine Frau nicht mal mehr zum Sex benötigte? Trotz dieser Gedanken trat er auf die Stufen, als wären sie aus kaugummiartiger klebriger Masse. Trotzdem schleppte er sich hoch bis zum sechsten Stock und taumelte in den Gang, der durch Neonröhren ausgeleuchtet wurde. Eine Röhre flackerte und surrte unregelmäßig.

Noch nicht einmal eine Kommode hatten sie im grau gestrichenen Gang aufgestellt. Keine Pflanzen oder Tapeten. Als er vor seiner Zimmertür stand und den silberfarbenen Schlüssel ins Schloss schob, kam eine der Putzfrauen vorbei. Rot-weiße Bettwäsche hing aus dem Wagen heraus. Decken und Kissen. Auch nicht der beste Job, aber immerhin war dies noch ein Job, der ausschließlich von Menschen ausgeführt und bestens bezahlt wurde. Auch sie lächelte ihm zu und nickte grüßend in seine Richtung. »Guten Tag, angenehmen Aufenthalt.« Er machte sich keine Mühe, den nur professionell gemeinten Gruß zu erwidern. Waren auch die Menschen inzwischen zu Maschinen geworden? Er wusste es nicht. Alles, was er jetzt noch wollte, waren Ruhe und Frieden.
Ruhe und Frieden.
Frieden.
Endlich Frieden.
In Frieden ruhen.
Der Schlüssel klackte im Schloss und öffnete ihm die Tür, die er von der anderen Seite wieder versperrte. Robert sah aus, als hätte er einige Jahre in irgendeinem sibirischen Arbeitslager verbracht. Als 30-Jähriger besaß er tiefe Furchen im sonst so makellosen Gesicht, das er extra für diesen Tag glattrasiert hatte. Er lehnte sich an die Wand und betrachte den Raum. Das gesamte Zimmer war weiß gestrichen. Drei Halogenlampen hingen von der hohen Decke und verbreiteten ein kühles, helles Licht – viel zu hell. Aber man konnte jede Spur gut sehen. An der linken Seite befand sich der große Bildschirm in die Wand eingelassen. Kein Teppich oder Auslegware säumte den Boden, sondern nur Fliesen. Alles war leicht zu reinigen. Gegenüber der Tür befand sich ein fein säuberlich gemachtes Bett. Weiße Laken, weißes Kissen und eine weiße Decke. Falls man die eigene Entscheidung noch einmal überdenken wollte, war dies jederzeit möglich. Für Robert war der Würfel jedoch gefallen. »Alea iacta est«, dachte er sich. Er stellte sich vor den Bildschirm, atmete noch einmal durch. Dann räusperte er sich.
»Computer? Daten aufnehmen.« Der Bildschirm flackerte auf. Ein künstlich erzeugtes Gesicht einer jungen Frau erschien in der Mitte des Monitors.
»Daten werden errechnet.« Die monotone Stimme erinnerte an verschiedene Science-Fiction-Filme, in denen diese Stimme Statusmeldungen an die Besatzung des Raumschiffs abgab. Robert wusste, was kam. Er kannte die Prozedur aus dem Prospekt. Alles wurde dort ganz genau beschrieben. Ihm war klar, was er zu tun hatte. So würde er dem Rest der Menschheit wenigstens noch etwas nutzen.
»Daten wurden errechnet«, sagte die emotionslose Stimme des digitalen Gesichts. »Bitte bleiben Sie stehen und nennen Sie die gewünschte Variante.«
Der künstlich gesteuerte Wahnsinn hatte begonnen. 2043 war die Hilfe zum Selbstmord legalisiert worden – keine drei Monate, nachdem das letzte Nutztier an einer Seuche gestorben war, die von einem biologischen Krieg im Jahr 2037 herrührte. Wer hätte das gedacht? Das Tier war vor dem Menschen ausgestorben. Die Menschen hatten sich in kürzester Zeit zu Kannibalen entwickelt. Der Mensch wollte Fleisch. Er wollte diesen Luxus nicht missen. Das Hotel in München-West war eines der neusten seiner Art. Fast immer war es ausgebucht. Meist waren es Geschiedene. Leute, die ihren Job verloren hatten. Davon gab es reichlich. Fünf Jahre nach der Legalisierung stand Robert Morgenstern in der Kabine im sechsten Stock des Hotels und war bereit zu sterben. In einer digitalisierten Welt ohne Gefühle und Emotionen hatte er nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnte.
»Variante 57«, sagte er. Seine Stimme zitterte. Als letzte Emotion in einer gefühllosen Welt aus Stahl und Eis rann ihm eine Träne über die linke Wange.
»Aufgenommen«, antwortete die Kunststimme. »Wir danken Ihnen, dass Sie sich für diese Art des interaktiven Ablebens entschieden haben.«
Dann ein Klicken hinter den Wänden. Eine kleine Klappe oberhalb des Bildschirms öffnete sich. Eine moderne Version des G36 schob sich durch die Öffnung. Robert konnte den roten Punkt des Laserabtastsystems auf seiner Stirn förmlich spüren.
»Tötungsprozess wird ausgeführt.«
Ein Schuss.
Blut drang aus einer kleinen Wunde am Kopf. Robert Morgenstern sackte leblos zusammen und entfloh einem Alptraum. Sein Fleisch wurde für die lebende Bevölkerung wiederaufbereitet und verteilt – für die Wenigen, die noch leben wollten.
Ein grünes Licht blinkte in der Zentrale der Putzfrauen auf. Raum 6-29 war fertig zur Säuberung. Eine der Putzfrauen stellte ihre Kaffeetasse beiseite, stand auf und ging an die Arbeit. Heute Abend würde es wieder Fleisch geben.

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