Zwei Wochen im Exil

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Zwei Wochen im Exil

Sonntag Abend, 22 Uhr. Lenny und ich treffen nach gut eineinhalb Stunden Fahrt mit geringfügiger Verzögerung in Burghausen ein. Die Besitzerin der Pension ist angepisst, weil sie extra noch mal dorthin kommen musste, um uns die Schlüssel zu hinterlegen. Früher losfahren hätte uns aber nichts gebracht. Blöd gelaufen.

Wenn man sich in Burghausen nicht auskennt, findet man auf Anhieb übrigens zunächst mal gar nichts. Die Gassen sind in diesem Bereich so eng, dass wir trotz Navigation öfter falsch abbiegen, als wir denken. Egal – die Optik der Altstadt und die der Burg sind diese Gurkerei allemal wert.

Der nächste Morgen, nach wenig Schlaf – denn Bier und Cappuccino schmeckten uns schon ganz gut in der Wirtschaft am Marktplatz. Um 8:30 Uhr stehen wir in Ausbildungsraum 2 und lassen uns erzählen, was uns die nächsten zwei Wochen alles erwartet. Wir blicken auf etliche Medikamente, algorithmusbasiertes Arbeiten und mehr Kompetenzen, um den gegenwärtigen Qualitätsstandard der Bevölkerung zu erfüllen und einem drohenden Notarztmangel entgegenzuwirken.

Uns erwartet völlig neues Arbeiten. Exakt hier fängt die Problematik an, wenn man den Job seit mehr als zwei Jahrzehnten macht. Wir sollen uns streng an Algorithmen und Schemata halten und nach Möglichkeit nicht davon abweichen. Ihr wisst schon – ABCDE, SAMPLER, FAST, OPQRST, um nur einige zu nennen. Darüber hinaus ist ab dann unter bestimmten Voraussetzungen das Verabreichen ausgewählter Medikamente gestattet. Darunter fallen auch Fentanyl und Morphin, die als Opiate den strengen Vorgaben des Betäubungsmittelgesetzes unterliegen. Zukünftig wird es also ganz schön komisch, wenn wir selbst in dem Feld desjenigen unterschreiben müssen, der das Medikament gegeben hat – und die Verantwortung in vollem Umfang selbst tragen dürfen. Apropos gestattet: Das ist nicht ganz richtig. Alle Maßnahmen sind als Notfallsanitäter sogar dringend gefordert. Wir müssen also eine Maßnahme ergreifen, die wir gelernt haben und demnach beherrschen, um Schaden vom Patienten abzuwenden. Endlich stehen wir gewissen Situationen nicht mehr machtlos gegenüber: zum Beispiel dem schreienden Patienten, der unendliche Schmerzen hat und um ein Medikament fleht. Endlich? Oder eher Hoffentlich noch nicht so bald? Vorbei also die Zeiten, in denen man sich gemütlich entscheiden konnte, zu bestimmten Maßnahmen zu greifen. Nun können wir uns nicht mehr hinter unserem Notfallrucksack verstecken, das Schreibbrett schwingen und schlau tun – wohl wissend, dass der Notarzt das Zimmer bald betritt und uns alles an Entscheidungen abnimmt.

Mal sehen, was kommt. Ich bin gespannt.

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